Nachbericht BG Kliniken und Fachverband Biomedizinische Technik 

 © Prof. Johner Die Zukunft der Medizintechnik ganz digital

Nachbericht | 16.12.2020 | BG Kliniken und Fachverband Biomedizinische Technik

Erstmals haben die BG Kliniken und der Fachverband Biomedizinische Technik (fbmt) e.V. eine zweitägige Fachtagung zum Thema „Zukunft Medizintechnik“ coronabedingt komplett online durchgeführt. Obwohl der persönliche Austausch nicht wie vorgesehen stattfinden konnte, konnten sich die 116 Teilnehmer in 15 Vorträgen über aktuelle und zukünftige Themen aus der Medizintechnik informieren. 
Nach der erfolgreichen ersten Medizintechnik-Fachtagung 2019 im BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb), bot auch die zweite Fachtagung, durch Top-Referenten und spannende Themen, zwei Tage lang den Teilnehmenden Einblicke in die neuesten Entwicklung der Medizintechnik. Die Mission, die die Veranstalter sich gaben, war nicht mehr oder weniger, als das Aufzeigen, dass Medizintechnik auch weiterhin mehr ist als nur Wartungsarbeiten und Geräteprüfungen und dass der Markt vor Dynamik strotzt. 

Ursprünglich war die Fachtagung im BG Klinikum Bergmannstrost Halle als Präsenzveranstaltung geplant, was sich coronabedingt aber nicht umsetzen ließ.
Die BG Kliniken stellten sich der Herausforderung und die Veranstaltung wurde kurzfristig zu einer Online-Tagung umgebaut und von Frau Krumm und Frau Maljevic aus einem virtuellen Studio in einem Berliner Hotel moderiert. 
Passend zum neuen Format wurde die Zukunft der Medizintechnik in den Vordergrund gestellt – ein Thema, das den Teilnehmern der vorjährigen Veranstaltung sehr am Herzen gelegen hatte und durch die Referenten, welche dem Ruf von Frau Maljevic gefolgt waren, gekonnt und spannend umgesetzt wurde. Der Blick über den eigenen Tellerrand wurde dabei zum roten Faden durch die gesamte Veranstaltung und brachte die Referenten und Teilnehmer inhaltlich näher zueinander. 

Dabei ging es im Wesentlichen darum, dort Parallelen zu eigenen Problemstellungen zu erkennen und daraus Lösungsansätze abzuleiten: 
Die Fachtagung hat dazu ermuntert, Brücken zu bauen und optimistisch in die Zukunft zu schauen. 
Referent Manfred Kindler führte gewohnt humorvoll durch seinen Vortrag und lieferte einen persönlichen Blick auf die Corona-Pandemie und das Risiko- und Krisenmanagement. Manfred Kindler verfügt über große Erfahrung auf dem Gebiet der Medizintechnik, vor allem im Bereich der Konformitätsbewertung und des entsprechenden Risikomanagements dazu. Er ist Präsident des Krankenhaus Kommunikationszentrums (KKC) und Sachverständiger für Medizintechnik. Er nannte viele Beispiele, bei denen „Bastler“ aber auch Ingenieure fachfremder Bereiche mit Lösungsvorschlägen und teilweise neuen Ansätzen zur Schaffung von Beatmungssystemen oder Verteilungsanlagen für Aufmerksamkeit sorgten. Dabei zeigten 3D-Druckverfahren ihre Stärken, wenn es um die Verwirklichung neuer Ansätze ging. Die große Hilfsbereitschaft der Industrie in der Corona-Zeit sei sehr beeindruckend gewesen, so Kindler. 

Dass die Zukunft der Medizintechnik auf Daten und Prozessen basiert, ist kein Geheimnis. Prof. Dr. Frederik Wenz rief zuletzt in seinem Keynote-Vortrag beim Innovation Forum Medizintechnik auf: „Use all information!“ Hier knüpfte Florian Defèr, stellvertretender Leiter des Competence Center Instandhaltung, FIR an der RWTH Aachen, an. Defèr ist von Komplexität in internen Geschäftsprozessen, Dienstleistungsprozessen und Fertigungsprozessen fasziniert. In der intelligenten Nutzung von Daten sieht er ein großes Potential, Komplexität beherrschbar zu machen und den Weg für eine nachhaltige Transformation im Zeitalter der Digitalisierung und Industrie 4.0 zu ebnen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Erzielung von Effizienzsteigerungen im technischen Service und in der Instandhaltung, insbesondere durch Umsetzung der Lean-Prinzipien, der Digitalisierung von Prozessen und der Informationslogistik. „Instandhalter sind nicht dazu da, Fehler zu verwalten, sondern Störungen nicht mehr passieren zu lassen“, sagte Defèr am Ende seines Vortrags. So können Prognosen über die Laufzeit erstellt werden und dabei helfen, Geräte teilweise vor dem Defekt oder der Leistungsminderung zu tauschen. 

Instandhaltung und Aufbereitung
Über den aktuellen Stand der nationalen Umsetzung der MDR informierte Dr. Jana Knauer vom Bundesministerium für Gesundheit. In den Fokus ihrer Ausführungen stellte Jana Knauer, die 2015 mit dem Wissenschaftspreis Medizinprodukterecht ausgezeichnet wurde, das Medizinprodukte-EU-Anpassungsgesetz (MPEUAnpG), das Medizinprodukterecht-Durchführungsgesetz (MPDG) und die damit verbundenen Verordnungen vor.

Janine Bierwirth (BG Kliniken) legte in ihrem Vortrag als Leiterin Hygiene der BG Kliniken den Schwerpunkt auf einen sachgemäßen Umgang mit Medizinprodukten und ihre Aufbereitung. Sie beschrieb den Konflikt zwischen Infektionsprävention und Patientensicherheit, der sich in der Zeit der Corona-Pandemie zeigt, und hob die Bedeutung des Arbeitsschutzes als weitere Säule für die Patientensicherheit hervor. 

Eine tragende Rolle im menschlichen Körper hat die Wirbelsäule. Nach einem schweren Unfall mit multiplen Verletzungen muss dieses äußerst komplexe Gebilde rekonstruiert werden. Beim Einbringen stabilisierender Schrauben in die Knochen können durch die exakte Bildgebung vor und während der Operation Fehllagen und Komplikationen reduziert werden. In ihrem Vortrag zum Thema „Besondere Anforderungen an die bildgebenden Systeme bei einer Wirbelsäulen-OP“ berichteten Dr. Andreas Gather, Koordinator des Zentrums für Alterstraumatologie der BG Klinik Ludwigshafen, und Dr. Sven Vetter, Leiter der Sektion Wirbelsäulenchirurgie der BG Klinik Ludwigshafen, über die Bedeutung interoperativer CTs für das Operationsergebnis. Sie zeigten die unterschiedlichen Faktoren auf, die bei der Auswahl der Geräte betrachtet werden sollten und stellten die Bedeutung einer richtigen Instandhaltungsstrategie dar.

„Die Mathematisierung der Instandhaltung wird weiter voranschreiten und Instandhaltungsmodelle beeinflussen.“, konstatierte Prof. Dr. Ingo Walther von der Berufsakademie Sachsen in seinem Vortrag „Strategien und Methoden der Instandhaltung“ und informierte zu praktischen Ansätzen der Anwendung datenbasierter Instandhaltungsstrategien.

Altbewährtes zu hinterfragen und neue Ansätze zu finden waren Leitlinien der Vorträge von Ludwig Kunkel und Jörn Fetchenheuer. Unter dem Titel „Bedarfsgerechte Leistungsverzeichnisse für die Ausschreibung“ beschäftigten sie sich mit Lösungen der Digitalisierung von Beschaffungs- und Instandhaltungsprozessen. Durch standardisierte Leistungsverzeichnisse nach dem Baukastenprinzip können sie schnell und entscheidungssicher passende Ausschreibungen entwickeln. 

Michael Wazlav referierte anschließend über den Einsatz von AR-Brillen in der Instandhaltung. Wazlav ist Geschäftsführer der Schwan Cosmetics Produktionstechnik, einer eigenständigen Tochter von Schwan Cosmetics in Heroldsberg bei Nürnberg. Er und seine 54 Mitarbeiter entwickeln und bauen hochkomplexe Sondermaschinen für die Herstellung, Montage und Abfüllung von Kosmetikstiften. Durch den Einsatz von AR-Brillen brauchen die Techniker für Service und Wartung und Instandhaltung nicht mehr das Büro in Mittelfranken zu verlassen und können dennoch einen weltweiten technischen Support leisten. 

Prüfung von Medizinprodukten 
Christian Sulzberger setzt sich tiefgehend mit der regelmäßig wiederkehrenden Prüfung von Medizinprodukten nach DGUV V3 auseinander und verfolgt damit zur Steigerung der Effektivität, aber auch zu den Prüffristen und Prüfinhalten eigene Ansätze. In seinem Vortrag stellte er diese vor und berichtete, dass die Behörden diese akzeptieren und anerkennen würden. 

Ähnlich leidenschaftlich und diskussionsfähig war der Vortrag von Frank Rothe zu Qualifikationsanforderungen an Instandhalter und technische Regeln für die Erstellung von Prüfprotokollen VDI Richtlinie VDI 5707. Der Gründruck wird noch in diesem Jahr erscheinen und ein Weißdruck wird wahrscheinlich 2021 erfolgen. Mitarbeit an der Richtlinie ist gewünscht und sehr willkommen.

Auch das Thema Patientensicherheit bei der Anwendung von Medizinprodukten wurde mit einem kurzen Exkurs zur Überarbeitung der Handlungsempfehlung „Einweisungsmanagement“ des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V. berücksichtigt. Tino Jacob gab dazu einen praktischen Einblick aus den Umsetzungen der BG Kliniken, zum Beispiel zum möglichen Umgang mit der Einweisungsdokumentation nicht selbsterklärender Medizinprodukte.

Eine neue Software zur Bewertung von Risiken in medizinischen Netzwerken wurde durch Kim Kowik vorgestellt, der mit seiner neu gegründeten Firma den deutschen Markt für dieses Produkt erschließen möchte. Die Software fragt hierbei Netzwerkknoten ab und verhält sich gegenüber den Geräten und System passiv, um die Rückwirkungsfreiheit nicht zu korrumpieren. Durch die gewonnenen Daten, wie z.B. der Softwarestand der Medizingeräte, kann das Risiko im Netzwerkverbund eingeschätzt werden, da inkompatible oder unsichere Softwarestände leicht identifiziert werden können.

Immer öfter ist in den verschiedensten Lebensbereichen vom Einsatz künstlicher Intelligenz die Rede, zunehmend auch in der Medizin. In der Radiologie bietet sich die Anwendung automatisierter Verfahren besonders an. Welche Techniken stecken dahinter? Welche Methoden ermöglichen das Deep Learning? Wohin wird uns die Entwicklung möglicherweise führen? Sind die Verfahren allheilbringend – wo liegen die Herausforderungen? Auf eine spannende Reise der Algorithmen führte Prof. Dr. Martin Fiebich die Tagungsteilnehmer und zeigte dabei die Stärken, aber auch zukünftige Entwicklungen auf.  

Auch die nächste Tagung vom 1. bis 2. Juni 2021 wird wieder eine Auswahl spannender Themen bieten und Fachleuten neue Wege aufzeigen, ihre Aufgabe besser zu erfüllen und sie mutig zu inspirieren, selbst neue Wege zu gehen.