Ausgabe Nr. 4/2010 (15. Juli)

Rückblick



 Kongress MedTech Pharma 2010 - Medizin Innovativ


Über 800 Experten aus 15 Ländern in Nürnberg 

Symposium "Medi-WING" des BMBF als integraler Bestandteil

Innovationen in effizienter Diagnostik und hochwirksamer Therapie


Innovationen sind der Schlüssel für therapeutischen, betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Erfolg in der Medizin. Sie müssen deshalb durch geeignete Maßnahmen vorangetrieben und gefördert werden, Innovationshürden sollten erkannt und minimiert werden. Prof. Dr. Michael Nerlich Mit diesen Kernbotschaften eröffnete Prof. Michael Nerlich, Vorstandsvorsitzender des Forum MedTech Pharma, den Kongress "MedTech Pharma 2010", zu dem über 800 Teilnehmer aus 15 Ländern nach Nürnberg gekommen waren. Das Thema "Innovationen in der Medizin" stand im Mittelpunkt der Plenarveranstaltung zum Kongress-Auftakt. Prof. Dr. Hans-Florian Zeilhofer Zur Förderung von Innovationen ist es laut Prof. Zeilhofer vom Universitätsspital Basel außerordentlich wichtig, Freiräume für kreative Ideen zu schaffen und gleichzeitig effiziente und vernetzte Strukturen für die Entwicklung von der Idee zum Produkt zu etablieren. In zahlreichen Beispielen zeigte er, dass die Umsetzung dieser Rahmenbedingungen in der Kiefer- und Gesichtschirurgie erfolgversprechende Entwicklungsprojekte wie die intraoperative 3D-Navigation mit einer Augmented Reality Umgebung bei chirurgischen Eingriffen am Gesicht hervorgebracht hat. In drei parallelen Themensträngen bot "MedTech Pharma 2010" im Anschluss an die Plenarveranstaltung Einblicke in neueste Forschungs- und Entwicklungsthemen: Elektronik & IT in der Medizin, Personalisierte Medizin sowie das BMBF-Symposium "Medi-WING", das parallel zu den beiden Themenreihen in den Kongress integriert wurde.

Hochspannende High-Tech-Lösungen für unterschiedlichste medizinische Anwendungsfelder wurden im Themenbereich Elektronik & IT präsentiert:

Bernhard Mumm Prof. Dr. Sibylle Ziegler Dr. Stefan Thamasett Prof. Dr. Thomas Schmitz-Rode

Die Kombination unterschiedlicher Bildgebungs-Technologien erweitert das diagnostische Spektrum sowie Sensitivität und Spezifität der Untersuchungsergebnisse. Durch hochentwickelte Software ist beispielsweise die Vermessung des Bewegungsmusters der Herztätigkeit aus kombinierten Bilddaten mehrerer verschiedener Untersuchungsmethoden wie Ultraschall, Computertomographie und Kernspintomographie (MR) möglich, wie Bernhard Mumm von TomTec demonstrierte.  Als Zukunftstrend stellte Prof. Sibylle Ziegler vom Klinikum rechts der Isar der TU München die simultane Hybrid-Bildgebung vor. Durch Kombination von Positronen-Emissions-Tomographie (PET) mit MR in einem Gerät kann die Physiologie, Biologie und Morphologie eines Hirntumors in einer einzigen Unersuchungsprozedur vollständig charakterisiert werden.

Die Anwendung von High-Tech in der Medizin bringt kontinuierlich neue "Smart Medical Devices" hervor. Matthias WiesenauerEine miniaturisierte Herz-Lungen-Maschine mit kleinem Systemvolumen ermöglicht die Anwendung bei Neugeborenen - eines der vielen von Prof. Schmitz-Rode von der RWTH Aachen vorgestellten Projekte. Dr. Thamasett von Berlin Heart zeigte eindrucksvoll, wie vollimplantierbare Herzunterstützungssysteme eine lebensrettende Übergangslösung für Patienten während der Wartezeit auf eine Transplantation darstellen. Prof. Marquardt und Matthias Wiesenauer der Rhön-Kliniken erklärten, dass Abläufe im Krankenhaus prozessoptimiert sein müssen. Klinik-Neubauten dieser Krankenhauskette werden von Anfang an nach dem Flussprinzip der Patientenversorgung geplant. Alle Patientendaten werden zukünftig in eine webbasierte elektronische Patientenakte eingehen. Berechtigte Ärzte können sich durch Spracherkennung legitimieren und Einsicht erhalten bzw. sie bearbeiten.

In einer zweiten Themenreihe wurden unter dem Stichwort Personalised Healthcare die Facetten einer individualisierten Diagnose, Therapie und Überwachung diskutiert.

Prof. Dr. Bernd Krieg-Brückner Dr. Stephan JägerProf. Dr. Rudi BallingDr. Gregory J. Opiteck

Aufgrund der demografischen Entwicklung benötigen immer mehr Menschen Unterstützungs- und Pflegeleistungen. Diesem Bedarf kann nur mit dem Einsatz von Homecare- und Ambient Assisted Living (AAL)-Konzepten begegnet werden: In Assistenzsystemen wirken Technologien wie Sensorik und Kommunikationstechnik zusammen, um Vitalparameter zu erfassen, die Pflege zu unterstützen und Geräte im häuslichen Umfeld zu steuern. Professor Krieg-Brückner demonstrierte eine eindrucksvolle Live-Schaltung in das von ihm geleitete Bremer AAL-Labor, eine Wohnung mit umfangreicher AAL-Funktionalität und Sprachsteuerung der Geräte.
Bei der medikamentösen Therapie steht ein Paradigmenwechsel bevor - vom universellen Arzneimittel für alle zu individuell zugeschnittenen Medikamenten. Eine Voraussetzung der Personalisierten Medizin sind funktionierende Biomarker für eine präzise Diagnostik. Aktuell scheitern viele Entwicklungsprogramme in der klinischen Anwendung. Die Roche Diagnostics arbeitet deshalb an einer besseren Verzahnung und Optimierung der Entwicklungsprozesse von Biomarkern beginnend bei der Identifizierung über Validierung bis zur Anwendung, wie Dr. Stephan Jäger erläuterte. Nach Ansicht von Prof. Rudi Balling, Luxembourg Centre for Systems Biomedicine, können vor allem systembiologische Ansätze Ordnung in die stetig zunehmende Datenflut bringen und dabei helfen, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung schneller auf die klinische Forschung zu übertragen.
Marc TrusheimDer Zukunftstrend in der Therapie ist, auf Basis der Personalisierten Diagnostik eine maßgeschneiderte, effektive und effiziente Behandlung zu entwickeln, die auf der individuellen genetischen Ausstattung aufbaut. Bei der Osteoporosebehandlung rückt dieses innovative Ziel in greifbare Nähe. Erste Ergebnisse klinischer Studien präsentierte Dr. Gregory J. Opiteck von den Merck Research Labs in USA. Im Gegensatz zu einer personalisierten, individualisierten Therapie bezieht sich eine stratifizierte Medizin auf größere Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer Gene identifiziert werden. Dies spielt künftig bei der Entwicklung von Arzneimitteln eine verstärkte Rolle, wie unter anderem Marc Trusheim von der MIT Sloan School of Management verdeutlichte.

Durch das Symposium "Medi-WING" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wurde der Kongress um weitere spannende Themenfelder ergänzt:

Manfred Gülcher Prof. Dr. Raimund W. Kinne Dr. Christian Schübel Prof. Dr. Hans Maier

Aktuelle Technologien für Implantate werden ständig weiterentwickelt und als intelligente Implantate mit neuen Materialien sowie Pharmaka kombiniert. Dieser Trend wurde anschaulich durch die Referenten, die aktuell vom BMBF geförderte Projekte vorstellten, eingehend erläutert. Beispielsweise wurden RNA-Stents in der kardiovaskulären Anwendung von Manfred Gülcher, Firma QualiMed, oder bioaktive Weichgewebsimplantate im Projekt Bio-Inside von Prof. Kinne, Universitätsklinikum Jena, vorgestellt. Abschließend wurde der  regulatorische Rahmen, der sich ebenfalls ständig weiterentwickeln muss, von Dr. Schübel vom TÜV SÜD Product Service  gezeigt.

Dr. Britta FünfstückEine frühzeitige und präzise Diagnose von Erkrankungen ist Grundvoraussetzung für ein qualitativ hochwertiges und effizientes Gesundheitswesen. Prof. Hans Maier von Bayer Schering erklärte, dass Molekulare Bildgebung diese Früh-Diagnose und damit Personalisierte Medizin erst möglich macht. Britta Fünfstück von Siemens zeigte an zahlreichen Beispielen, wie die Erkenntnisse aus der Molekularen Bildgebung in die Entwicklung von diagnostischen Medizingeräten einfließen. Sie stellte u. a. BrainPET, eine Kombination von MR- und PET-Bildgebung für die Schädel-Untersuchung vor.

Dr. Gunnar Schütz von Bayer Schering Pharma plädierte dafür, die Synergien zwischen Onkologie und Bildgebung zu nutzen. Deshalb wird im Rahmen von Verbundprojekten des BMBF u. a. gezielt nach neuen Tracern für die Positronen -Emissions-Spektroskopie gesucht, mit denen die selektive Darstellung spezifischer Tumoren erst möglich gemacht wird. Dr. Michael Kuhn, Philips Healthcare, präsentierte eine völlig neue Bildgebungstechnologie - das "Magnetic Particle Imaging", das in räumlicher und zeitlicher Auflösung völlig neue Dimensionen der Bildgebung erschließen kann.

Prof. Dr. Wolf-Dieter LukasIn der abschließenden Plenarveranstaltung unterstrich Ministerialdirektor Prof. Wolf-Dieter Lukas vom BMBF anhand statistischer Daten die herausragende Bedeutung der Gesundheitswirtschaft, die nicht primär als Kostenfaktor, sondern als volkswirtschaftlicher Faktor gesehen werden sollte. Einen Beitrag zum Fortschritt in diesem Technologiezweig werden auch die beiden bayerischen Gewinner des BMBF-Spitzenclusterwettbewerbs leisten - das Medical Valley EMN für die Medizintechnik und der Münchner Biotech-Cluster Bio-M, die ihre Strategien zur Effizienzsteigerung der jeweiligen Bereiche präsentierten.

Der Kongress konnte als interdisziplinäre und transsektorale Kommunikationsplattform einen wichtigen Beitrag zur Erfolgssicherung der Medizinbranche leisten. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistete eine große Fachausstellung mit über 100 Ausstellern und - im Rahmen des BMBF-Symposiums - 40 Posterausstellern. Bereichert wurde der Kongress außerdem durch Beiträge und Round-Table Gespräche von zwei teilnehmenden Delegationen, einer aus Québec/Montréal, Kanada und einer aus St. Petersburg, Russische Föderation.

Programm und Download der Vorträge für Teilnehmer und FMP-Mitglieder...